Über Roland Wirtz
Jean-Christophe Ammann | Frankfurt 2003
Roland Wirtz ist ein Mystiker. Seine Fotos sind über viele Stunden
durch das Belichten von Platten mit Tageslicht entstanden. Die Ausmaße
dieser Fotos, 100 x 100 cm, entsprechen der Größe der Platten.
Es ist, als fokussiere er eine kosmische Energie, um ein Bild zu schaffen,
das letztlich mehr dem Höhlengleichnis von Plato entspricht als
der Realität, die er ins Auge fasst.
XL Photography 2, Art Collection Deutsche Börse Ausstellungskatalog
2003
Eindrucksvolle Objekte
„Photographie“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet
„Lichtbild“. Mit Hilfe eines Objektivs in einer Kamera prägen
sich die Gegenstände der sichtbaren Welt lichtempfindlichem Material
ein. Auf dem Negativ wird dieses – meist verkleinerte –
Abbild in Helligkeitsstufen sichtbar gemacht, auf dem Positiv –
meist vergrößert – fixiert. Viele Künstler loten
die Fotografie bis an ihre Grenzen aus, sie bearbeiten die Aufnahmen
digital nach oder stellen die Bilder sogar vollständig am Computer
her. Roland Wirtz hat einen ganz anderen fotografischen Weg eingeschlagen:
Er begibt sich zu den Ursprüngen des Mediums zurück und wendet
dasselbe Verfahren an wie Henry Fox Talbot, der Erfinder der Negativtechnik,
im Jahr 1839.
Bei Roland Wirtz` früheren Arbeiten stand das Abbild ganz im
Vordergrund. Mehr und mehr löste sich dann seine Fotografie von
den konkreten Bildinhalten. Die Motive – Landschaften und Architektur
– sind jetzt Schauplätze für fotografische Schaffensprozesse.
Die Bilder sind abstrakt, Form und Fläche gewinnen an Bedeutung.
Entsprechend wachsen die Formate – bis hin zum aktuellen Negativformat
100 x 100 cm. Wirtz konstruierte eigens eine Kamera, in der das mit
Silbernitrat und Kaliumjodid lichtempfindlich gemachte Papier bis zu
zwei Stunden belichtet wird. Entsprechend lang dauert die Belichtung
des mit Bienenwachs präparierten Positivs.
In dieser fast vergessenen Technik der Kalotypie entdeckt Roland Wirtz
erstaunliche künstlerische Möglichkeiten. Die manuell angefertigten,
ein Quadratmeter großen Kontaktprints zeigen nicht nur ästhetisch
reizvolle Spuren des fotografischen Verfahrens, sie geben den unmittelbaren
unverfälschten Eindruck der Objekte wieder und sind darum Zeugnisse
höchster Authentizität.
Jean-Christophe Ammann
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