Finale Präsenz

Wolfram Eilenberger | September 2008

 

 

Zwischen Ereignis und Form

Selbst das großartigste Bild eines Ereignisses zu betrachten, das scheint ganz klar, ist etwas ganz anderes, als das abgebildete sportliche Finale persönlich zu erleben. Unsere Begegnung mit dem Bild ist von einem Verhältnis der Räumlichkeit geprägt. Da hängt es, fest verankert, unbeweglich, abgeschlossen, sich selbst identisch, mit der unendlichen Geduld einer jeden konstanten Form.

Ein sportliches Finale hingegen steht als Ereignis ganz im Zeichen der Zeitlichkeit. Sein Verlauf ist einmalig, sein Ausgang umkämpft und offen, es pulsiert in unwiederholbaren, einzigartigen Effekten des Auftretens und Verschwindens. Die immediatus-Werke von Roland Wirtz sind Bilder von Final-Ereignissen und verorten sich damit im Zentrum der Spannung zwischen Ereignis und Form – einer Spannung, die insbesondere die Fotografie als Kunstform von Beginn an in ihrer Entwicklung bedingte und prägte.

 

Pokal, Finale, Kontingenz

Die Wahl der Motive – ausschließlich Pokalspiele des europäischen Profifußballs sollte dabei nicht als ironischer oder gar nur modischer Vermittlungsversuch zwischen künstlerischer Hoch- und sportlicher Populärkultur gedeutet werden. Denn der Fußball ist, um eine These des Frankfurter Philosophen Martin Seel zu paraphrasieren, aus kulturtheoretischer Sicht nichts anderes als die global derzeit dominante Form eines grundmenschlichen Willens zur Kontingenzinszenierung.

In der Form von Pokalspielen – Pokalfinals zumal – wird dieses Streben zum lustvollen, kämpferisch vermittelten Erleben von Unverfügbarkeit und Unmittelbarkeit ganz gezielt auf die Spitze getrieben. An die den Ligaalltag prägende Stelle der Bezugnahme auf den abstrakten Durchschnitt einer möglichst großen Anzahl von Partien tritt im Pokal die Konzentration auf die volle Konkretheit einer einzigen Begegnung. Je tiefer man als beteiligter Betrachter in einer Pokalpartie versinkt, desto intensiver ist die unwiederholbare Einmaligkeit und die fundamentale Offenheit ihres Verlaufes zu erfahren. Anders gesagt: In jedem Spiel, das uns in seinen Bann zieht, ereignet sich dieser spezifische Pokal- und damit Finalcharakter. Gemäß einer der ältesten Einsichten unserer Fußballkultur »hat der Pokal seine eigenen Gesetze«.

 

Performativer Einsatz

Wirtz` immediata sind nicht nur eindrucksvolle Darstellungen von Kontingenzinszenierungen, sondern stellen als Bilder selbst Kontingenzinszenierungen dar, folgt der Entstehensprozess eines jeden Werkes doch exakt der gleichen Logik der Einmaligkeit und Offenheit wie das zur Abbildung gewählte Final-Ereignis. Gleich den Athleten auf dem Feld, stellt das Spiel auch für den Künstler den Kulminationspunkt eines jeweils monate- oder gar jahrelangen Planungs- und Vorbereitungsprozesses dar. Und ist das Finale erst einmal eröffnet, gibt es auch für Wirtz als Künstler keine Aussicht mehr auf Wiederholungen, zweite Chancen, Korrekturen oder Nachbearbeitungen. Es zählt allein das Hier und Jetzt. Schließlich bleibt, genau wie jedes sportliche Finale, auch jedes Werk der immediatus-Arbeit notwendig Unikat.

Vervielfältigungen, Abzüge, Kopien – das gehört zum programmatischen Kern des Projekts – sind ausgeschlossen. Der Sinn dieser Selbstbeschränkung ist leicht erfasst und reicht dennoch tief: Kein Ereignis, das diese Bezeichnung verdient, lässt sich wiederholen, vervielfältigen, reproduzieren.

 

Fokussierte Intensität

Zu sagen, Wirtz setze sich als Künstler ganz bewusst dem unverfügbaren Ereignis des Spiels aus, impliziert auch ein spezifisches Verständnis von Kreativität und ästhetischer Erfahrung. Der Philosoph Martin Heidegger spricht in diesem Zusammenhang von einer »Originalität des freien Sichgebens, worin eine Angewiesenheit auf ein Hinnehmen liegt«.

Ein Modus des Teilnehmens und Beiwohnens also, der – Wirtz` Schaffen gleich – die allzu klar scheinenden Grenzen zwischen Aktivität und Passivität, Zuschauen und Mitspielen, Schöpfen und Rezipieren produktiv infrage stellt. Diese glücksvolle Symbiose aus aktiver Offenheit und passiver Hinnahme, höchster Konzentration und tiefster Entspanntheit wurde von dem Kulturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht unter dem Begriff eines »Verlorenseins in fokussierter Intensität« unlängst als tragendes Merkmal sportlich-ästhetischen Erfahrensbestimmt.

Eine treffendere Charakterisierung ist auch für Wirtz` Werke kaum zu denken, hält sich seine inmitten der Zuschauer starr positionierte, leinwandgroße Fokusmaschine (ein Fotoapparat ist das nicht!) doch mit höchster denkbaren Beharrlichkeit zur Aufnahme des Gesamtereignisses offen, registriert selbst kleinsteProzessspuren und findet ihr Empfangsmaterial so mit jeder Wendung desGeschehens in seiner Gestalt erneuert. Nicht das Finale als neutrale Gesamtheitphysikalischer Abläufe, sondern die fokussierte, selbstvergessene Verlorenheitder ins Spiel eingebunden (Zuschauer und Spieler) ist deshalb das Ereignis, dasWirtz` Werke eigentlich zur Darstellung bringt.

 

Präsenz und Abwesenheit

Es wäre vor diesem Hintergrund schlicht irreführend, die Kunstwerke als Fotografien, gar als Momentaufnahmen zu bezeichnen. Vielmehr erschließt Wirtz mit seiner Vorgehensweise ein semiotisches Grenzgebiet zwischen Film, Foto, Skulptur und Denkmal. Die einzigartige Aufnahmetechnik und Materialwahl – als technische Umsetzung des Willens zum bruchlosen Verbleiben in der Komplexität des Geschehens – führen zur einer ungeahnten Schärfe der Abbildung, die unzählige Details, ja oftmals einzelne Zuschauer auf Hunderte Meter Entfernung in ihrer verlaufsbedingenden Einbindung erkennbar werden lässt.

Womöglich am ergreifendsten aber sind die gespenstisch bleibenden Spuren von Anwesenheit – zarte Schwaden und milchige Verwirbelungen – die möglicherweise von der Präsenz der Spieler auf dem Feld zeugen (Weshalb die Spieler nicht zu erkennen sind? Weil sie gespielt, weil sie das Ereignis und also sich selbst bewegt haben!).

Gewiss, das verweist zunächst und eindrucksvoll genug auf die fundamentale Vergänglichkeit selbst größten Finalruhmes. Aber es zeugt, in einer zweiten Deutung, auch von der einzigartigen Macht der Präsenz – und zwar in der symbolischen Form ihrer Abwesenheit.

Wirtz` Werke vermögen – wie jedes Bild – bei aller Raffinesse lediglich Spuren von Zeitlichkeit zu bewahren. Weshalb es auch kein Zufall sein wird, dass uns die weißen Schwaden auf dem Rasen des Stadions in ihrem zarten, gespenstischen Dynamik ganz unmittelbar an die gemalte Rotation jenes Rads erinnern, mit dem Diego Velazquez einst seine Hilandera am Faden des Schicksals spinnen lies und damit der Kunst seiner Zeit eine neue Möglichkeit aufzeigte, fortlaufenden Ereignissen eine bildliche Form zu geben.

 

Finalität und Versöhnung

Wirtz` immediatus-Werke künden auf einleuchtende Weise von der Möglichkeit eines ästhetischen Seins im Ereignis – und damit von nichts Geringerem als der Möglichkeit einer spielerischen Versöhnung mit der offenen Endlichkeit unseres Daseins: unserer Finalität.