Der Eros der Unmittelbarkeit

Martin Schmidt | Luxembourg 2006

 


In seiner Werkgruppe immediatus zeigt Roland Wirtz Langzeitbelichtungen von Ereignissen. Die Belichtung der Ereignisse erfolgt direkt in der Kamera auf großes Fotopapier. Es gibt daher immer nur eine Möglichkeit der Aufnahme. Denn kein Ereignis, in dem sich das Leben hoch emotional verdichtet, ist wiederholbar, und jedes gibt die Dauer der Belichtung vor. Die Ergebnisse: fotografische Unikate, bei denen die Unmittelbarkeit der Abbildung eine übergeordnete Rolle spielt. Schon wenn Roland Wirtz seine Kamera auf-baut, ist dies ein Ereignis. Speziell für seine A-beiten wurde eine Kamera mit einem Aufnahmeformat von 1,27m x 2,20m konzipiert und ge-baut. Die Größe der Bilder und die gewählte Technik sind von entscheidender Bedeutung. Raum und Zeit, Architektur und die sich darin bewegenden Menschen – getrieben und in ihrem Handeln geleitet von dem Ereignis – werden unmittelbar verdichtet. Kein Negativ, keine Computerleistung, kein Korn, kein Pixel, tritt im Werk zwischen Bild und Betrachter. Das Ereignis selbst schreibt sich unmittelbar auf das Trä-germaterial.

Die Hand des Künstlers kann nur die Perspektive auf sein Motiv beeinflussen. Und genau hier vermischen sich durch die Wahl der Technik und des Motivs dokumentarischer und künstlerischer Charakter der Fotografie in einer neuen Weise. Geschaffen wird ein reiner Bildraum, der gewährleistet, dass auch das Detail seine »Geschichte« erzählen kann; das Kleinste tritt neben das große Ganze.

Die geschaffenen Arbeiten sind nah und fern zugleich, denn die Zeit spielt ihre Rolle aus. Die materielle Welt wird verfestigt. Menschen hingegen lösen sich in Schatten und Farben auf. Ihre Existenz wird aber nicht negiert oder ausgeschlossen; denn sie verschwinden nicht völlig. Vielmehr wird ein Kern des Lebens, nämlich seine Dynamik, deutlich. Der Künstler und das Ereignis bestimmen das Bild.

»immediatus« – »Unmittelbarkeit«: Die so entstehenden Bilder machen das Leben in seiner Vielschichtigkeit deutlich, denn die einmaligen Originale haben eine besondere Kraft – sowohl durch ihre bildhafte Erscheinung, d.h. als Präsenz des Wesens eines Ereignisses, als auch durch dessen Schein in der formalisierten Umsetzung. Die Bilder sind keine bloßen fotografischen Dokumente, sondern im Dialog viel mehr. Im Zeitalter digitaler Medialisierung und technisch unendlichen Möglichkeiten der Reproduzierbarkeit, schaffen die Werke von Roland Wirtz so eine neue Authentizität durch kompromisslose Unmittelbarkeit.

Martin Schmidt