Hohenthal und Bergen mit Unikaten von Roland Wirtz

Die Welt, 30.11.2007

 

Magisch leuchten Fußballstadien im Dämmerlicht, voll besetzt, doch ohne Spieler. Hat sie die Nacht verschluckt? Nein. Bei den Fotos von Roland Wirtz handelt es sich um Langzeitbelichtungen.Die Kicker, die bei Hohenthal und Bergen ihre Runden drehen, sind nicht zu sehen oder nur verhuscht, weil die Belichtung so lang dauert wie das Ereignis selbst: 90 Minuten. Jedes Ereignis gibt die Dauer der Belichtung vor.

Wirtz, Jahrgang 1959, geht es nicht um Dokumentation, sondern um Substanz und Schönheit. Die Belichtung erfolgt direkt auf übergroßes Fotopapier. Es gibt immer nur eine Möglichkeit der Aufnahme. Die Galerie präsentiert lauter Unikate. Sie zeigen Pokalspiele in Gelsenkirchen und im Berliner Olympiastadion, nah und doch entrückt, mit Lichtblitzen durchsetzt. Kein Negativ, kein Computer, kein Korn, kein Pixel tritt im Werk zwischen Bild und Betrachter. Das Ereignis selbst schreibt sich unmittelbar aufs Trägermaterial. Der Künstler wählt nur die Perspektive. Der geschaffene Bildraum erzählt seine eigenen Geschichten. Es geht um das räumliche und zeitliche Ereignis, vor allem aber um die Verflüchtigung des Menschen in Schatten und Farben.

Metaphorik und formaler Glanz der gehaltvollen Werke rechtfertigen denn auch ihren technischen Aufwand. Der Bau einer eigens konzipierten Kamera mit einem Aufnahmeformat von 127x220 Zentimetern, die Einholung von Sondergenehmigungen für die Aufstellung des kanonengleichen Apparates, die Entwicklung der Kassette in der Schweiz, schaffen im Zeitalter digitaler Medialisierung und Reproduzierbarkeit etwas Einzigartiges: Authentizität, porentief und lupenrein.

Andrea Hilgenstock