Ost-West Interferenzen

In seiner neuesten Arbeit begibt sich Roland Wirtz auf den Todesstreifen
der ehemaligen innerdeutschen Grenze, um von dort aus vorgefundene Realitäten
in Ost-West Bildpaaren festzuhalten.
Der noch zu großen Teilen intakte Kolonnenweg der DDR Grenztruppen
brachte Wirtz auf die Idee den Laderaum seines Transporters als Kamera
umzubauen und den Grenzstreifen mit der Kamera zu befahren.
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| Verlauf der ehemaligen innerdeutschen Grenze |
Das Besondere an der speziell für dieses Projekt entworfenen Kamera
ist die Möglichkeit gleichzeitig zwei Bilder in zwei entgegengesetzten
Richtungen aufzunehmen. Dafür wird im Innern des Laderaums in völliger
Dunkelheit jeweils ein lichtempfindliches Fotopapier auf jeder Innenseite
des Laderaums montiert, beide mit einer kreisrunden Öffnung in
der Mitte, von der aus die Objektive durch die Außenwand ragen.
Während der Aufnahme projezieren beide Objektive ein Bild auf
das Fotopapier an der jeweils gegenüberliegenden Seite und belichten
es. Auf Ihrem Weg kreuzen und durchdringen sich die Strahlen in der
Mitte des Kamerakastens und definieren dabei einen Raum der Durchdringung.
Das Papier auf der Ost-Seite der Kamera zeichnet somit den Blick in
Richtung Westen auf und umgekehrt. Ost und West beziehen sich hierbei
jedoch nicht auf die tatsächlichen Himmelsrichtungen, sondern auf
die vormals durch den Todesstreifen getrennten Teile Deutschlands.
Die Wellen der gegenläufigen Lichtstrahlen laufen ohne gegenseitige
Störung einander hindurch und haben keinen Einfluss auf das Bildergebnis.
Durch das hochglänzende Fotopapier kommt es jedoch je nach Lichtsituation
zu Reflektionen im Inneren der Kamera, die sich auf das Bildergebnis
auswirken.
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| Simulation Interferenzen in der Kamera (Laderaum) |
An diesem Punkt erscheint das künstlerische Konzept von „Ost-West
Interferenzen“ wie die perfekte Blaupause eines gemeinsamen ideellen
Raums, in dem sich Gegensätze total durchdringen, bevor sie sich
unverfälscht als solche abbilden, jedoch nur, um in der Wahrnehmung
gemeinsam wieder ein Ganzes zu formen. Letztendlich obliegt es dem Betrachter
durch Wahrnehmung beider Bilder diese Dualität final aufzulösen
und eine eigene ganzheitliche Sicht zu konstruieren. Auf diese Weise
führt uns Wirtz mit seiner neuen Arbeit in einen spannenden Diskurs
über Wahrnehmung, Gegensätze und ihre Transzendierung.

Berlin, Leuschnerdamm, Aufnahmesituation, 2010
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