Catalunya Calotypes

 

Die rasante Entwicklung der digitalen Welt und die daraus folgenden Möglichkeiten der elektronischen Bildmanipulation Anfang der 90er Jahre veranlassten Roland Wirtz 1993 zu folgender Initialzündung: „Man müsste die Fotografie nochmal neu erfinden“.

Mit genau dieser Frage hatte sich gut 150 Jahre zuvor William Henry Fox Talbot in England an die Arbeit gemacht, um die Projektionen der Camera obscura festzuhalten. Er experimentierte mit lichtempfindlichen Substanzen, mit Säuren und Salzen und schließlich hielt Talbot das erste fotografische Negativ der Welt in den Händen – ein mit Silbersalz beschichtetes Blatt Papier, auf dem die Natur selbst wie mit Geisterhand ihr Bild gezeichnet hatte. Ehrfürchtig nannte Talbot seine Erfindung Kalotypie - „Schöner Druck“. Der Name Kalotypie bezeichnet somit das mit Silbernitrat und allerlei Chemikalien beschichtete Negativ. Die positive Kopie, die direkt von der Kalotypie belichtet wurde bezeichnete Talbot als “salted print”.

frühe Kalotypie von William Henry Fox
Talbot, Lacock Abbey 1835 or 1839

Den einstigen Zauber dieser frühen Fotografien wollte Roland Wirtz wiederentdecken. Er besorgte sich Talbots Rezepte und experimentierte nahezu drei Jahre lang mit Chemikalien und Papiersorten, ehe ein brauchbares Ergebnis gelang.

Wie bei Talbots Verfahren spielt dabei die Sonne eine große Rolle. Die Kalotypien brauchen mehrere Minuten hellstes Tageslicht, und auch die Positive entstehen nicht in einer Dunkelkammer, sondern in der prallen Mittagssonne. Die optimalen Rahmenbedingungen fand Roland Wirtz anläßlich eines Stipendiums in Barcelona. In den Wintermonaten bringen Sonne und Außentemperaturen dort die technisch besten Ergebnisse. Seine Serie “Catalunya Calotypes”ist zwischen 2000 und 2004 in Barcelona und Umgebung entstanden. Die mit Silbernitrat und Kaliumjodid beschichteten Quadratmeter großen Kalotypien werden in einer speziellen Kamera belichtet, die der Größe des Negativs entsprechen. Im Gegensatz zu den Fotos Talbots ist Wirtz Kamera jedoch mit einem hochwertigen Objektiv ausgestattet, das ermöglicht die sfumatoähnliche Ästhetik der alten Fototechnik mit überraschender Schärfe-/Unschärfeverlagerungen zu kontrastieren. Der positive Salzpapierabzug wird von der Quadratmeter großen Kalotypie im 1:1 Kontaktverfahren auf hochwertiges Büttenpapier belichtet.

Den Sonnen-Bildern von Roland Wirtz haftet etwas der schwarzen Kunst an, die am Anfang der Fotografie stand: das magische Beschwören des Lichts, das Bannen des Augenblicks. Dieser geheime Zauber ist in allen Bildern von Roland Wirtz zu spüren: das nicht berechenbare Element, der Zufall. Hier verdunkelt eine Wolke für fünf Minuten die Belichtung, dort hat sich ein Schweißtropfen mit den Chemikalien vermischt, da hat das Papier die Silberschicht nicht völlig aufgenommen. Und so durchdringt die Fotos von Roland Wirtz eine geheimnisvolle Poesie des Einzigartigen, nicht Reproduzierbaren.

Kameraaufbau, Barcelona, 12.10.2001

Es lohnt sich daher, seine Bilder aus verschiedenen Abständen zu betrachten: aus größtmöglicher Distanz wie aus der nächsten Nähe. Erst dann wird man etwas von der alchimistischen Zauberei verspüren, die Roland Wirtz der Welt der digitalen Bilder entgegensetzt.